Peter Braukmann
FREIGEIST





 

Blog

Wie ich zur Musik kam

All wir alten Säcke, die wir das Glück hatten in den fünfziger Jahren auf die Welt zu kommen, war ja noch ein Radioprogramm beschert, das die ganze Familie erreichen wollte. Es gab noch keine eins bis unüberschaubar viele Spartenprogramme und auch keine privaten Sender. Bei uns Zuhause hörte man NDR 2. Da gab es um 6:15 Uhr „Gymnastik mit Erika Meyer“, dann Kammermusik und die Morgenandacht. Ab 9:00 hieß es „Musik für Hausfrauen“ gefolgt von „Kinderlein und Geschichten“ sowie dem „Schulfunk“. Zum Mittagessen gab es Tanzmusik, den Nachmittag füllten Solistenkonzerte aus, ab 20:00 Uhr ein Hörspiel, dann Volkslieder, Jazz und ins Bett ging man z.B. mit einer Erzählung wie „Der Yogi mit der Kampfmütze“. So sah jedenfalls das Programm am Montag den 21.9.1959 aus. Damit hatten wie ein buntes Angebot und hörten von allem. Vielfalt soll ja angeblich bilden. Folkmusik gab es zu dieser Zeit nicht zu hören. Meine Eltern wurden dann Mitglied im Bertelsmann Lesering und bekamen auf diesem Weg eine Schallplatte mit dem Titel „Folklore aus aller Welt“ von Abi und Esther Ofarim. Die gefiel mir. Den ersten Schritt in Richtung meiner eigenen musikalischen Karriere bestimmte mein Großvater, der mir zu Weihnachten ein Akkordeon schenkte, das ich mir gar nicht gewünscht hatte. Das gute Teil stand viele Jahre in seinem Koffer auf einem Schrank. Meine Eltern und Großeltern waren enttäuscht. Dann kam die Wende. Ich war vierzehn Jahre alt, als mich meine Eltern in den Sommerferien in ein Ferienlager auf Dikjen Deel auf Sylt schickten. An einem schönen Sommerabend saßen dort drei junge Typen in den Dünen. Der eine spielte Gitarre, einer Mundharmonika und alle drei sangen wunderbar Folksongs. So etwas hatte ich noch nie vorher gehört. Ich war einfach mitgerissen und wollte fortan auch Gitarre spielen und so schön singen können. Es darf erwähnt sein, dass die Typen aus Hamburg kamen und dort in einer Folkband mit Namen „City Preachers“ spielten. Einer von ihnen war Michael Laukeninks, der später der Folkredakteur des NDR wurde und mit dem ich viel zusammen gemacht habe. Doch das wusste ich damals in den Dünen natürlich noch nicht. Wieder daheim holte ich das Akkordeon vom Schrank und tauschte es in Hildesheim im Pfandleihhaus gegen eines Jazzgitarre von Framus ein. Meine Eltern waren keineswegs begeistert. Ich aber begann mein Studium der Griffe: G D A reichten ja vollkommen aus, um Bob Dylan zu spielen.

Und dann war da noch ein junger Englischlehrer an unserer Schule, der im Unterricht Schallplatten von Peter, Paul & Mary vorspielte. So begann meine Sucht, die mit erhöhtem Tempo wuchs. Natürlich konnte man in den sechziger Jahren nirgends so mir nichts, dir nichts Folkschallplatten kaufen. Da musste man schon genau wissen, was man haben wollte. Gott sei Dank stand auf den Peter, Paul & Mary Lp’s ja geschrieben, wer welchen song verfasst hatte. Dann ging man zum örtlichen Elektrohändler, der auch eine Schallplattenabteilung hatte, wälzte einen dicken Katalog und wurde eventuell fündig. Man gab seine Bestellung auf. Dann musste man warten. Auf Pete Seegers „Songs for freedom“ habe sechs Monate gewartet. Aber es lohnte sich. Ich habe noch einen dicken Ordner im Schrank mit all den vergilbten Blättern, auf denen ich damals mit Hilfe meiner Erika Schreibmaschine die abgehörten Texte festgehalten haben. Und was man da so alles gehört hatte. Der „weisse Neger Wumbaba“ war zwar nicht darunter, aber viel Ähnliches. 1969 hatte ich mit drei Freunden den ersten Bühnenauftritt in der Realschule Bockenem am Harz. Wir tingelten durch die Jugendclubs der Kirchen, im Sommer sang ich mich auf den Stufen von Sacré-Cœur in das Herz einer schönen Schwedin, 1970 hatte ich das Glück während meines Schottlandurlaubes im Folk Club Thurso für den erkrankten Dick Gaughan einspringen zu dürfen und 1971 schrieb ich mein erstes deutsches Lied „Geh meinen Weg“, das mich bis heute begleitet. Obwohl ich in der Provinz haften blieb und in Hildesheim studierte, wurde die wachsende „Folkwelt“ in Person von Karsten Linde auf mich aufmerksam. So traf ich in „Conny Planks Studio“ mit Eddy und Finbar Furey und Davey Arthur zusammen und wir nahmen drei meiner Lieder auf. Die sollten Demo für einen Plattendeal sein. So flogen Karsten und ich nach Berlin zum Hansa Musikverlag, um den Musikchefs dort sowohl mein Demo als auch die neue Eddy & Finbar Furey Produktion vorzustellen. Da hat sich eine Szene unauslöschbar in meine Erinnerungen gebrannt. Karsten spielte das Band von Eddy & Finbar vor, der große Musikmanager stand am Fenster, rauchte eine dicke Havanna und blickte auf die Wittelbacherstrasse hinunten. Als das zweite Stück verklungen war, drehte er sich zu uns um und sagte: „Det klingt aber reichlich Irisch, wa?“   

Da wurde mir klar, dass ich mit der Szene nichts zu tun haben wollte und wählte den Schritt in die Alternative. Es dauerte also noch mehrere Jahre, bis meine erste Schallplatte erschien (Schnappsack 1978). Die Bänder mit meinen drei songs von damals sind leider verschollen. Macht nichts, ich kann die ja immer noch singen.

2019 Peter Braukmann 50 Jahre auf und hinter der Bühne.